1. Theoretischer Rahmen zur Kommunikation

1.2 Was Sprachmodelle nicht können, weil Sprache es nicht kann

Bruchlinien – wo reißt Sprache wirklich? Eine Typologie

Sprache reißt nicht überall gleich.

Wenn wir die Stellen untersuchen, an denen Kommunikation trotz korrekter Syntax und scheinbar passender Wortwahl scheitert, lassen sich vier Grundtypen unterscheiden:

1. Logischer Bruch

Was reißt: Die innere Kohärenz des Arguments

Beispiel: Ein Text klingt plausibel, widerspricht sich aber inhaltlich.

Typische LLM-Schwäche: Halluzinationen, Circular Reasoning, Category Errors

Philosophischer Bezug: Klassische Logik, Deduktionslehre

Anforderung an Verstehen: Fähigkeit zur formalen Kohärenzprüfung

Kommentar: Hier zeigt sich, dass LLMs kohärent sprechen, ohne Kohärenz zu prüfen. Der Bruch liegt zwischen Syntaxnähe und semantischer Konsistenz.

2. Pragmatischer Bruch

Was reißt: Die Einbettung in Konventionen und implizite Regeln

Beispiel: Ironie wird wörtlich verstanden, oder Höflichkeitsformen wirken unangemessen.

Typische LLM-Schwäche: Missverständnisse im Ton, fehlende Sensibilität für implizite Signale

Philosophischer Bezug: Sprachpragmatik (Grice, Searle), Sprachspiele (Wittgenstein)

Anforderung an Verstehen: Kontextsensitivität, soziale Intuition

Kommentar: Pragmatische Brüche offenbaren, dass Verstehen mehr ist als Wort- oder Satzbedeutung. Es geht um situationsgerechtes Handeln im Medium der Sprache.

3. Moralischer Bruch

Was reißt: Der Übergang von erlernten Normen zu neuen Dilemmata

Beispiel: KI gibt eine formelhaft „ausgewogene“ Antwort, wo moralische Abwägung nötig wäre (z.B. Sterbehilfe, Triage).

Typische LLM-Schwäche: Keine eigenständige ethische Urteilsbildung, Flucht in vermeintliche Neutralität

Philosophischer Bezug: Ethik ohne Metaphysik (z. B. Diskursethik, Tugendethik)

Anforderung an Verstehen: Sensibilität für das Normative jenseits des Gelernten

Kommentar: LLMs imitieren moralische Sprache, ohne das moralische Zittern. Sie erzeugen keine neuen Maßstäbe – sie konservieren Muster.

4. Situativer Bruch

Was reißt: Die Rollen- oder Beziehungsebene

Beispiel: Ein Modell antwortet „sachlich“ auf eine emotionale Frage; oder spielt unbeabsichtigt Autorität.

Typische LLM-Schwäche: Rollendiffusion, keine Unterscheidung zwischen Zuhören, Beraten, Urteilen

Philosophischer Bezug: Interaktionstheorie, Rollenverständnis (z.B. Goffman)

Anforderung an Verstehen: Fähigkeit zur Rollenadäquanz und Perspektivübernahme

Kommentar: Sprache ist nie nur „Information“ – sie ist Beziehungsgestaltung. Wer das verfehlt, spricht „korrekt“ und doch falsch.


Fazit: Verstehen ist vielschichtig

Diese Typologie zeigt: „Verstehen“ ist kein einheitlicher Prozess.

Jeder Bruchtyp stellt eigene Anforderungen – an Kohärenz, Kontext, Urteilskraft oder soziale Positionierung. Und in jedem dieser Fälle kann ein LLM scheitern – nicht notwendigerweise, weil es „zu wenig versteht“, sondern weil es ganz anders versteht als wir.

Und genau hier liegt der ursprünglicher Gedanke: Vielleicht reißt nicht nur das Sprachmodell – sondern unser Begriff von Sprache selbst.


Version: 1.0 (Oktober 2025)

Lizenz: Dieses Dokument ist frei verwendbar für akademische, pädagogische und künstlerische Zwecke. Attribution erwünscht.

Impressum © Timo Weil